Hans Gerhard Evers
Peter Paul Rubens
Verlag F. Bruckmann, München, 1942, 528 Seiten, 272 Abbildungen und 4 Farbtafeln, Halbleinen
Auch auf Niederländisch erschienen: Peter Paul Rubens, uit het Duitsch door K. Ruyssinck, Antwerpen: de Sikkel, 1946
Rubens und sein Werk – Neue Forschungen
Verlag De Lage Landen, Brüssel, 1943, 386 Textseiten, 370 Abbildungen, Halbleinen
Zur Entstehung der Rubensbücher
Über Rubens hatte Evers als Assistent am Institut des Rembrandt-Spezialisten Carl Neumann in Heidelberg schon seit Mitte der 1920er Jahre geforscht. In den 1930er Jahren in München betreute er u. a. die Doktorarbeit von Otto von Simson, auch wenn dieser formal bei Wilhelm Pinder promovieren musste. Otto v. Simson nennt Evers in einem >> Interview 1991 den Mann, „der ihn am meisten beeinflusste“. Um den etwa zur Hälfte abgeschlossen Text der Biografie beenden zu können, bewarb er sich 1938 um ein Stipendium bei einer Vorgängerorganisation der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Dies wurde abgelehnt; über die Gründe ist nichts bekannt. Am 9.8.1939 erfolgte die Einberufung zu einer Entgiftungskompanie der Deutschen Wehrmacht. Im Sept. 1940 wurde er als Kunst- und Architekturfotograf an die Fotokampagne des militärischen Kunstschutzes in Paris überstellt. Seine dortigen Vorgesetzten Graf Wolff-Metternich und Baron von Tieschowitz setzten sich dann erfolgreich dafür ein, dass Evers zwischen 1941 und 1943 für den Abschluss der Rubensarbeiten abgestellt wurde.
Der Zeitgeist mag das begünstigt haben. Es gibt jedoch in den Buchtexten außer in den Vorworten keinen Bezug zur besonderen historischen Situation der Entstehung. Von einigen Kritikern wird der Sprachstil bemängelt und daraus eine Nähe zum Nationalsozialismus hergestellt. Möglicherweise übersehen sie dabei, dass die kraftvolle Sprache zeitlebens ein Markenzeichen von Evers war und auch später in demokratischen Zeiten bei mancher Vorlesung zu spontanem Beifall des Auditoriums führte. Bei Rubens mag das Thema eine „barocke“ Sprache und die Befassung mit Mythologien zusätzlich gefördert haben. Wenig, was heute als nationalsozialistisches Gedankengut erkannt wird, haben die Nazis erfunden, und manches, was heute als unsagbar gilt, war vor 1945 noch nicht geächtet. Es scheint allerdings, dass Evers sich in dieser Zeit in Belgien angepasster gegeben hat als davor und danach. Die Fertigstellung der jahrzehntelangen Rubensarbeit war ihm eine Herzensangelegenheit, und dass er im Rang eines Unteroffiziers mit der in Kriegszeiten ungewöhnlichen Freistellung unter besonderer Beobachtung stand, ist vorstellbar. Von Vorgesetzten zeitweise angedachte Vor- und Grußworte sind in den Büchern nicht zu finden. Wie er sie vermeiden konnte, ist nicht überliefert. Ob Evers Teile des Textes unter anderen Bedingungen anders gedacht oder formuliert hätte, können wir nicht beurteilen. Er selbst hat sich auch im familiären Gespräch von seinen Büchern nie distanziert, sondern sie insbesondere wegen seines Quellenstudiums als Grundlagenwerke der Rubenforschung angesehen.
Zu den Entstehungsumständen schreibt Evers im Vorwort zu dem Buch "Rubens und sein Werk":
- "Während der Arbeitszeit an dem vorliegenden Buch habe ich bei den Männern verständliche Förderung gefunden, die auf Grund der Verhältnisse meine Vorgesetzten waren, und bin Ihnen aufrichtig dankbar dafür. Aber die Arbeit über Rubens selbst ist ohne buchhändlerische Reihe und ohne Auftrag: sie ist in Zielsetzung und Durchführung ein Beispiel freier Forschung, und als solches wohl wert, genannt zu werden."
Beide Rubens-Bücher wurden unter identischen Bedingungen fast zeitgleich geschrieben, haben aber unterschiedlichem Inhalt und Charakter: Zunächst erschien die Biografie "Peter Paul Rubens". In ihr sind neben dem Leben von Rubens u.a. etwa 100 der wichtigsten Gemälde abgebildet und eingehend behandelt.
Im Vorwort beschreibt Evers seinen eigenen Anspruch:
"Es bestand daher die Aufgabe, eine neue Rubensbiografie zu schreiben, die wieder das gesamte Wissen und das gesamte Material berücksichtigt und abwägt. Diese Biografie muss folgenden Anforderungen genügen:
1. Das Leben muss ausführlich und auf Grund der Quellen die überall nachzuweisen sind, dargestellt werden.
2. In die Lebensgeschichte muss die Reihenfolge der Gemälde nach dem Stand des heutigen stilkritischen Wissens eingeordnet werden.
3. Die Darstellung der stilkritischen Entwicklung darf nicht das Letzte sein, vielmehr muss sich aus ihr die menschliche Verwandlung und damit die Persönlichkeit von Rubens ergeben.
4. Da die geistige Bedeutung von Rubens wesentlich in der Umschmelzung der antiken und christlichen Mythen beruht, muss der Reichtum der bei ihm erscheinenden Mythenwelt nicht nur genannt, sondern nach Möglichkeit auch beschrieben werden.
Diesen Forderungen sucht das vorliegende Rubensbuch gerecht zu werden."
Das zweite Buch "Rubens und sein Werk – Neue Forschungen" ist inhaltlich völlig verschieden; selbst von den 370 Abbildungen sind nur neun bereits im ersten Buch enthalten. Dieser Band beginnt, sicher unüblich, mit 40 jeweils doppelseitigen Zeittafeln von 1600 bis 1640, in denen Monat für Monat Aktivitäten Rubens in verschiedenen Lebensbereichen dokumentiert sind, und endet mit subjektiven Überlegungen zu Lücken in der Rubens-Forschung.
Insgesamt galt insbesondere der Band „Peter Paul Rubens“ lange Zeit als die umfangreichste auf den Originalquellen beruhende Rubensbiografie. Eine Rezension von Emil Kieser aus dem Jahr 1950 findet sich >>hier. Als „Rubens-Spezialist“ wurde Evers bis ins hohe Alter immer wieder um seine Expertise gebeten. Zu Rubens hat er auch zeitlebens >>Aufsätze publiziert. Die erhaltenen Materialien der Forschungsarbeit zu Peter Paul Rubens sind im "Rubenianum" in Antwerpen archiviert und dort auch online sorgfältig dokumentiert.
Beide Bände sind antiquarisch für relativ kleine Geldbeträge zu bekommen.
Die Universitätsbibliothek Heidelberg bietet beide Bände digitalisiert zum Download an.
Link "Peter Paul Rubens" – Die Biografie
Link "Rubens und sein Werk – Neue Forschungen"
Bitte beachten Sie auch die zahlreichen Aufsätze von Evers zu Peter Paul Rubens in der Bibliografie.
Kladdentext zu "Rubens und sein Werk"
"Der bekannte Rubensforscher Prof. Dr. Hans Gerhard Evers (Universität München) zeichnet in diesem Werke ein bislang nicht bekanntes Rubensbild. 24 Kapitel, die Rubens und sein Werk bei wechselnder wissenschaftlicher Methodik jeweils in einem anderen und großenteils neuen Licht erscheinen lassen, führen den Leser nahe an den großen Künstler und Menschen heran. Die chronologische Anordnung ermöglicht es außerdem, die Lebensgeschichte des Meisters lückenlos zu verfolgen.
Die „Zeittafeln“, in denen alle über Rubens bekannten Nachrichten (weit über 2000) zusammen gestellt sind, leiten den Text ein. In den Kapiteln „Das Altarwerk der Yallicella-Kirche in Rom“, „Der Raub der Leukippiden“, „Die Galerie des Luxembourg-Palastes in Paris“ wird sowohl der kunstgeschichtlich weniger geschulte Leser wie der Wissenschaftler wertvolle Anregung und Bereicherung finden. Ein weiteres Verdienst des Verfassers besteht darin, viele Handzeichnungen nachgewiesen und fest mit dem Werke des Künstlers verbunden zu haben. Die Mitarbeit von Rubens an der Buchdruckerkunst seiner Zeit ist in den Abhandlungen über „Die Buchtitel“ und die „Missale-Illustrationen“ dargestellt. Mit dem Rüstzeug der modernen Philologie deutet Evers die Bezeichnung eines berühmten Frauenporträts „Chapeau de Paille“, während der „Besuch beim holländischen Gesandten A. Joachimi“ in die Politik des Staatsmannes Rubens einführt. Die Frage: Wie stand Rubens zum Licht? wird in dem Aufsatz über den „Träumenden Silen“ beantwortet. Zuletzt verdient die Meisterschaft des Verfassers Erwähnung, mit der er es versteht, die seelischen Hintergründe des Menschen und Künstlers Rubens freizulegen und ihn damit den heutigen Menschen verständlich zu machen.
Professor Evers neuestes Werk steht in losem Zusammenhang mit der vom gleichen Verfasser bei Bruckmann, München, 1942 herausgegebenen Rubensbiographie, die die Lebensgeschichte des Meisters und eine Einführung in etwa 100 der bekanntesten Rubensbilder enthält, bildet aber eine Einheit für sich. Die freiere Form der Darstellung ermöglicht es dem Verfasser, im vorliegenden Bande das Lebenswerk Rubens nüchterner darzustellen, erlaubt ihm aber gleichzeitig, in der Gesamtschau kühnere Folgerungen zu ziehen."
Inhaltsverzeichnis: Peter Paul Rubens – Biographie |
||
| Vorwort | 7 | |
| I. | Die Geburt | 11 |
| II. | Die Lehr- und Wanderjahre | 23 |
| III. | Die Architekturaltäre | 39 |
| IV. | Die Rückkehr nach Antwerpen | 62 |
| V. | Die Bildnisse | 72 |
| VI. | Die Metamorphosen | 92 |
| VII. | Die Gewalttaten | 108 |
| VIII. | Die flandrischen Wandelaltäre | 122 |
| IX. | Der Hochbarock | 138 |
| X. | Der Bau des Hauses | 150 |
| XI. | Die flandrischen Seefahrts- und Tierbilder | 162 |
| XII. | Sieg und Kampf | 174 |
| XIII. | Liebe und Fruchtbarkeit | 191 |
| XIV. | Das große und das kleine Format | 211 |
| XV. | Die Balladen | 225 |
| XVI. | Der Ruhm über Europa | 253 |
| XVII. | Die Medici-Galerie | 267 |
| XVIII. | Politik | 279 |
| XIX. | Bewegung und Kraft | 306 |
| XX. | Zweite Heirat und Ausgang der Politik | 323 |
| XXI. | Liebesgarten und Ildefonso-Altar | 339 |
| XXII. | Das Denken in Sphären | 356 |
| XXIII. | Pompa Introitus Ferdinandi | 369 |
| XXIV. | Die Landschaften | 384 |
| XXV. | Die späten Einzelbilder | 410 |
| XXVI. | Die Farbe | 431 |
| XXVII. | Helene Fourment und Peter Paul Rubens | 440 |
| XXVIII. | Ausgang des Lebens | 474 |
| Anmerkungen | 481 | |
| Register | 511 | |
Inhaltsverzeichnis: Rubens und sein Werk – Neue Forschungen |
||
| I. | Zeittafeln | 11 |
| II. | Rubens und Tobias Stimmer | 95 |
| III. | Kreuzaufrichtung in Grasse | 97 |
| IV. | Herzog Lerma | 105 |
| V. | Altarwerk der Kirche Santa Maria in Vallicella in Rom | 107 |
| VI. | Adonis Klage | 121 |
| VII. | Zeichnung einer Kreuzabnahme | 137 |
| VIII. | Bekehrung des heiligen Bavo | 145 |
| IX. | Simson und Delila | 151 |
| X. | Die Buchtitel von Rubens | 167 |
| XI. | Zeichnungen zum Brevarium Romanum | 195 |
| XII. | “Träumender Silen” in Wien | 221 |
| XIII. | Nymphen und Satyrn | 237 |
| XIV. | Silens Züge | 239 |
| XV. | Raub der Töchter des Leukippos | 249 |
| XVI. | Mars und Rhea Solva, in Wien | 255 |
| XVII. | Niederlage des Sanherib | 259 |
| XVIII. | Perseus und Andromeda | 265 |
| XIX. | „Chapeau de Paille“ | 275 |
| XX. | Der Besuch von Rubens beim holländischen Gesandten Albrecht Joachimi | 289 |
| XXI. | Die Galerien des Luxembourg-Palais in Paris | 299 |
| XXII. | Landsknechte | 317 |
| XXIII. | Selbstbildnisse und Bildnisse | 321 |
| XXIV. | Lücken der Rubens-Forschung | 349 |
| XXV. | Register | 359 |
| 370 Abbildungen ab Seite | 384 | |
Hinweise auf gesondert veröffentlichte Aufsätze von Hans Gerhard Evers zu Peter Paul Rubens finden Sie im inhaltlich sortierten Bereich der >>Bibliografie.


